Historie der Farbenlehre - Teil II

Nach Teil I der Farbenlehre komme ich heute auf die moderne Farbenlehre zu sprechen.

Friedrich Wilhelm Ostwald (1853-1932)

Wenn es um die Farblehre geht, darf Friedrich Wilhelm Ostwald (1853-1932) keinesfalls vergessen werden. Der vielseitige Forscher und Nobelpreisträger (1909 für Chemie) wollte ein wissenschaftlich fundiertes Farbsystem schaffen und beschäftigte sich intensiv mit dem Entstehen von Farbharmonie.

Ihn trieb die Frage um, warum die Kombination von manchen Farben harmonisch, also angenehm empfunden wird, wiederum andere Farbkombinationen als eher unangenehm und ob diese Phänomene mit irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten einhergehen. Er geht dabei von der Grundannahme aus, dass das Harmonieempfinden von Farbkombinationen etwas mit deren Anordnung zu tun hat und dass die harmonischen Abtönungen aus der gesättigten Grundfarbe (Vollfarbe) plus Schwarz oder Weiß entstehen.

Als Grundfarben definierte er Gelb, Rot, Ultramarinblau und Seegrün, die er im Farbkreis so anordnete, dass sie jeweils ihrem "kompensativen" (= Mischung ergibt neutrales Grau) Pendants gegenüberstellt, also Gelb/Ultramarinblau, Orange/Eisblau, Rot/Seegrün und Violett/Laubgrün. dazwischen platzierte er entsprechende Abtönungen, die durch Beimischung von Schwarz oder Weiß entstehen.

Wenn ich seine komplexen Gedankengänge richtig interpretiere, dann wirkten - sehr vereinfacht dargestellt - demnach nur solche Farben harmonisch, die zu gleichen Teilen Weiß oder Schwarz enthalten - demnach würde die Farbkombination von hellen Pastellfarben mit expressiven, gesättigten Vollfarben als eher unharmonisch empfunden.

Johannes Itten (1888 bis 1967)

Der Schweizer Künstler und Kunstpädagoge beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit Farben, Farbsystemen und Farbwirkung und kam zu dem Schluss, dass jeder Mensch eine Farbe anders empfindet, individuell abhängig von Charakter und Veranlagung. Bei Itten stand also die Farbwirkung im Vordergrund und nicht eine rein wissenschaftlich-analytische Annäherung an Farbe und Farbharmonie. Er war es auch, der die Menschen nach Jahreszeiten in Farbtypen einteilte, eine Klassifizierung, die noch heute oft in der Industrie (Mode, Kosmetik) Einsatz findet.

Josef Albers (1888-1976)

Farbempfinden ist nicht lehr- oder lernbar. Entweder man hat es oder man hat es nicht. Zu dieser Erkenntnis kam auch Bauhaus-Lehrer Josef Albers in Bezug auf die Praktikabilität von Farbsystemen und Farbordnungen. Er meinte, dass kein Farbsystem per se die Sensibilität für Farben erhöhen könne, genauso wenig, wie ein Mensch musikalisch würde, nur weil er über ein bestimmtes Wissen hinsichtlich Akustik verfüge...

Aemilius Müller (1901-1989)

Der Schweizer Aemilius Müller wiederum griff Ostwalds Theorien zur Farbharmonie wieder auf und entwickelte eine "Ästhetik der Farbe in natürlichen Harmonien". In seinem gleichnamigen Werk, das er im Jahre 1973 veröffentlichte, findet man eine Sammlung von 200 Farbtafeln. Sein Ziel war es, eine Art Normierung von Farben und Farbtönungen zu finden, nicht nur als Hilfs- und Lehrmittel an Schulen sondern auch für die angewandte Kunst in Design und Architektur. Er war es auch, der den Begriff "Farbinversion" prägte, der erklären soll, warum manche Farbtöne zueinander unharmonisch wirken. In seinem Werk "Moderne Farharmonielehre" (1948) erklärt dies der Farbforscher ausführlich. Damit unterschiedliche Farben harmonisch miteinander wirken, ist nach Müller der gleiche Anteil bzw. Abstufung von Helligkeit in beiden Farben notwendig.

Dennoch begegnen uns ja farbliche "Disharmonien" im Alltag ständig und ohne bewusst zu bemerken, warum, halten wir kurz inne, stutzen einen Moment lang, wenn wir ihnen begegnen. Wahrscheinlich just deshalb werden "disharmonische Farben" durchaus ab und an bewusst eingesetzt von Designern, Künstlern, Modemachern, etc...

Abschließend ist noch anzumerken, dass ein allgemein gültiges Farbsystem oder ein allen - d.h. analogen wie digitalen - Anforderungen genügender Farbkreis nicht existiert. Über die unterschiedlichen Normen, z.B. für Industrie und der digitalen Welt gehe ich näher in zukünftigen Artikeln ein.

Schönes Wochenende und bis zum nächsten Mal!
Manuela




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